Tanzen – ein Ausdruck der Freude und der Gottesverehrung

Für viele etwas Ungewohntes, falsch Verstandenes, vielleicht sogar Befremdendes: ‘Tanz’ im Zusammenhang mit Gottesverehrung zu verwenden. Bereits im Alten Testament lesen wir, dass Gott oft mit Jubelliedern und Reigentänzen gelobt und ihm gedankt wurde: «David und das ganze Haus Israel tanzten und sangen vor dem Herrn mit ganzer Hingabe.» (2. Samuel, Kapitel 6, Satz 5). An einer anderen Stelle heißt es u.a. «…die Mädchen freuen sich und tanzen, Jung und Alt sind fröhlich. Ich, der Herr, verwandle Tränen in Jubel, ihren Kummer in Freude.» (Jeremia, Kapitel 31, Satz 13)

Meine Lieblingsaussage im Zusammenhang mit Tanz ist: «Yahweh your God is in your midst. A victorious Warrior. He will exult over you with joy. He will renew you by His love; He will dance with shouts of joy for you as on a day of festival.» ( Zefanja, Kapitel 3, Satz 17) Wow! Ich staune! Genau so wortwörtlich liest sich dieser Abschnitt in einer englischen Bibelübersetzung: «...der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der rettet; er freut sich über dich mit Jubel…» Gott selbst freut sich so riesig über uns, dass er jubelt und tanzt! An dieser Stelle wurde ursprünglich das hebräische Wort gul gebraucht, was so viel wie ‘herum drehen und wirbeln unter dem Einfluss von heftigen Gefühlen’ heißt. Interessanterweise haben Worte im Hebräischen oft mehrere Bedeutungen. Wenn man in der Bibel nach Begriffen zum Thema tanzen sucht, entdeckt man ein weites Feld und wird ob den starken Worten staunen. (Leider werden uns viele hebräische Ausdrücke aus dem Urtext in den deutschen Bibelübersetzungen vorenthalten oder in abgeschwächter Form übersetzt.) Einige Beispiele: macholah bedeutet Reigen (Kreistanz) oder Gruppentanz, raqad bedeutet stampfen, wild herum springen, karar bedeutet herum wirbeln, halal bedeutet prahlen, rasen, toben, sich töricht aufführen, schabach bedeutet, laute Töne von sich geben, laut rufen: Lobet den Herrn! Agalliao bedeutet, vor Freude springen und hüpfen, gul bedeutet, wie bereits erwähnt, herum drehen, wirbeln unter dem Einfluss von heftigen Gefühlen. Etwas Interessantes, für mich Bedeutendes, steht im Neuen Testament: «Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt?… Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.» ( 1. Korinther, Kapitel 6, Sätze 19 und 20 (Luther-Übersetzung) Ich werde aufgefordert, mir und meinem Körper Sorge zu tragen, gesund zu leben, ihn sogar als Tempel zu sehen. Ist es nicht eine große Freiheit, sagen zu können: «Da wo ich bin, kann ich Gott begegnen, losgelöst von einem bestimmten Ort oder einer bestimmten Gemeinschaft?» Und die Aufforderung, Gott mit meinem Leib zu preisen, sehe ich als Ermutigung zum Tanz.
Das Wiederaufleben des Tanzes

Unter dem Einfluss der griechischen Philosophie und der Kirchengeschichte wurde der Tanz immer mehr unterdrückt. Heute gilt es daher, das ganzheitliche (Christ-) Sein – mit Körper, Seele und Geist – so wie es in der hebräischen Kultur gelebt wurde, wieder neu zu entdecken.
Heute befinden wir uns eindeutig in einer Phase des Wiederauflebens des Tanzes – auch im Gottesdienst. Es ist der Traum und das Anliegen vieler, dass das Tanzen wieder seinen – von Gott vorgesehenen – ursprünglichen Platz und Stellenwert findet und darüber hinaus in unserer christlichen Kultur – ähnlich wie bei der jüdischen – einfach zum Leben gehört; für Jung und Alt, genauso im Alltag wie bei festlichen Anlässen. Dazu gehört, dass wir zum Beispiel zur Feier eines Gottesdienstes einen Reigen tanzen oder dass in einer Kirche auch die Freiheit da ist, zu springen und hüpfen à la agalliao, oder dass man vor Freude laut jauchzen darf...
Diese Freude, die Vielfalt und die Tiefe, die durch das Tanzen und mit dem Tanzen erlebt und ausgedrückt werden kann, ist einmalig! Dabei sind wir uns bewusst, dass körperliche Ausdrucksweisen, auch im geistlichen Leben, immer von der jeweiligen Kultur mitgeprägt sind. Ein Gottesdienst im heißen Zentralafrika wird daher von anderen Klängen und Rhythmen geprägt sein als ein solcher im kühlen Finnland. Auch in unseren Breitengraden gibt es eine große Vielfalt und Unterschiede in Form, Stil, Art und Weise, wie Gottesdienste gefeiert werden. Entscheidend ist die Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, das Jesus Christus ist. In ihm liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. Und so glaube ich, dass auch alle Schätze an Kreativität, Kunst und Leben in Christus verborgen sind. (Kolosser, Kapitel 2, Sätze 2b und 3)
«…Viele Bewegungs- und Tanzimpulse liegen oft in uns verborgen und werden (in unserer Kultur) meistens unterdrückt. Sie wahr zu nehmen und durch den Körper nach außen dringen zu lassen, hilft uns, uns selbst zu entdecken und kennen zu lernen. Sowohl alte Erfahrungen, welche im Gedächtnis des Körpers gespeichert sind, können zum Ausdruck kommen als auch Wünsche und Sehnsüchte.»
«…In Tänzen können wir uns nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gemeinschaft in Symbole hineingeben, die wir mit unserem Leib und durch Raumwege zeichnen. Manchmal begeben wir uns auch einfach bewegend in einen Inhalt oder in eine Aussage hinein. Eine tanzende Gruppe bildet immer eine Einheit, entweder im selben Bewegungsfluss oder in der gegenseitigen Ergänzung der Bewegungsformen oder auch nur in der gemeinsamen Intention der Aussage oder Verinnerlichung des Inhalts.»
(aus ‚Das getanzte Gebet‘ von M. Sara Schemann)



